Die beiden Begriffe “Dankbarkeit” und “Demut” begleiten mich seit meinem frühen Erwachsenenalter und hatten sich für mich immer fremd angefühlt. Mit zunehmenden Alter und den Lebensereignissen haben diese Begriffe jedoch eine nachhaltige Bedeutung für mich bekommen. Dankbarkeit für die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Familienmitglieder, für die Fähigkeit lieben und arbeiten zu können und für viele andere schöne Dinge in meinem Leben sowie die Demut, dieses nicht als etwas Selbstverständliches und etwa als einzuforderndes Recht, sondern als großes Geschenk wahrzunehmen.

„Lieben und arbeiten können“ – so oder ähnlich haben viele wichtige und berühmte Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen in den letzten paar Tausend Jahren den Sinn des Lebens schon zusammengefasst, und das bringt es auch für mich auf den Punkt. Ich denke nicht, dass ich eine übergeordnete Aufgabe im Sinne einer Berufung zu erfüllen habe. Wohl aber bin ich stolz darauf, dass ich alles versuche, meiner Verantwortung auf unterschiedlichen Ebenen gerecht zu werden (was mir nicht immer gelingt): Auf der privaten Ebene meinen Kindern ein guter Vater zu sein und sie auf ihrem Weg zu unterstützen und zu begleiten, mit meiner Partnerin eine glückliche Ehe zu führen, und beruflich hoffe ich, dass das, was ich als Lehrender vermittele, zumindest bei einigen Studierenden in ihrer späteren ärztlichen Praxis nachhaltig bestehen bleibt, und meine wissenschaftlichen Arbeiten das Gebiet, auf dem ich arbeite, weiter voranbringen.

Ich versuche, zwei Einstellungen zu leben, damit es mir hoffentlich gelingt, am Ende zu sagen: Es war gut und dies auch von meinen Mitmenschen erinnert wird! Zum einen versuche ich, mir immer wieder bewusst zu machen, dass Leben eben genau dieses „lieben und arbeiten“ können ist, und dass am wichtigsten die Liebe zu meinen Kindern und meiner Frau sowie die Dankbarkeit und Demut gegenüber dem Leben sind. Dies gelingt im Chaos des Alltags natürlich nur begrenzt, aber gerade in Phasen mit hohen beruflichen oder privaten Anforderungen wirkt diese Einstellung beruhigend und klärend. Wenn mir gelingt, diese Einstellungen als „take home message“ weiter zu geben, dann, glaube ich zumindest, habe ich vieles richtig gemacht! 

Wenn es möglich wäre, die Zeit zurückzudrehen, würde ich (fast) alles bestimmt wieder ganz genauso noch einmal machen!

Meine Botschaft

 

Als meine 10 Kinder noch recht klein waren (das jüngste war gerade ein Jahr alt damals und das älteste 15), hatte ich 1998 einen bösartigen Tumor im Darm. Ich musste operiert werden und wusste nicht, ob ich aus dem Krankenhaus wieder rauskomme oder nicht. Meine Töchter hatten so kleine Plastikpuppen, auf denen haben sie immer herumgekaut und ich hab immer geschimpft, weil ich Angst hatte, dass sie sie verschlucken. Diese Püppchen habe ich mit ins Krankenhaus genommen und auf meinen Nachttisch gelegt. Ich hab dann zu Gott gebetet, dass alles wieder gut wird. Wenn du da so sitzt und wartest auf die endgültige Diagnose und dann sagen sie dir, dass es bösartig ist, das ist schon furchtbar und da braucht man Vertrauen.

Mit meiner Frau hab ich vor der OP alles ganz offen angesprochen und geregelt, so Kontosachen, Versicherungen und so. Es waren ja außer mir noch 11 Leute betroffen und wenn es damals nicht gut gelaufen wäre... meine Frau mit 10 kleinen Kindern, das wäre eine Katastrophe gewesen, da muss man vorher offen miteinander sprechen, über die Diagnose und auch darüber, dass man sterben könnte. Vor der Operation hatte ich einen bösen Traum, etwas Dunkles kam, um mich zu holen.

Nach der OP bin ich aufgewacht, da waren gerade die Olympischen Winterspiele im Fernsehen, das weiß ich noch ganz genau, ich hatte Angst. Dann habe ich beim Rauchen einen Mitpatienten getroffen, der hat mir gesagt, dass alles gut werden wird. Das war eine ganz wichtige Begegnung für mich und hat mir geholfen. Die OP verlief gut, ich brauchte keine Chemo oder Bestrahlung und ich denke, da hatte auch der liebe Gott seine Finger im Spiel. Den Mitpatienten habe ich dann nur noch ein einziges Mal wiedergetroffen in meinem Leben, das war ein halbes Jahr später beim Fußball, ganz ohne Verabredung – das ist doch kein Zufall , oder? Ich bin sehr froh, dass Gott seine Hand über mich gehalten hat in dieser Zeit.

Ich habe da so ein Ritual, auf meinem Weg zur Arbeit bete ich an einer bestimmten Stelle immer das Vater Unser.

Wenn mir sowas noch einmal passieren sollte, würde ich das genauso wieder machen, offen über alles sprechen und alles vorher klären und vertrauen.

Meine Botschaft

 

 
 

Wenn ich meinen Löffel abgeben muss…

Was möchte ich erinnert wissen, was hinterlassen?

Mit dieser Frage, etwas abgewandelt, habe ich mich schon häufiger befasst. Die Redewendung „den Löffel abgeben“ kommt mir etwas befremdlich vor, dennoch werde ich einen Rückblick wagen.

Wenn ich in meinem Leben zurückgehe, überkommt mich eine Dankbarkeit für das, was mir widerfahren ist, welche Erfahrungen ich machen durfte und wie viele Menschen mir begegnet sind.

Als Kind einer Arbeiterfamilie bin ich meinen Eltern und Großeltern dankbar dafür, dass sie immer an mich geglaubt haben und mich in meiner Entwicklung unterstützt haben. Sport, Musik und Literatur sind von Anfang an meine Wegbegleiter.  Ich war und bin eine gute Schwimmerin und habe sehr lange aktiv Volleyball gespielt. Gut, ich habe keine Meistertitel errungen, aber es hat immer Spaß gemacht. In der Familie wurde musiziert, gesungen und getanzt. Die 60ger Jahre, von den Beatles bis zu den Rolling Stones und vielen anderen, haben mich bis heute musikalisch geprägt.

Heute gehe ich sehr gerne in die Oper und lasse mich von Ballett und Tanzaufführungen inspirieren. Genauso gerne besuche ich auch Rockkonzerte. Dieses Gefühl für die Musik habe ich auch an meine Kinder und Enkelkinder weitergegeben.

Nach meinem Abschluss in der Realschule bin ich über die Elektrotechnik zum Beruf der Krankenschwester gekommen. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Mit Stolz kann ich sagen, dass ich im Beruf erfolgreich war. Dazu aber später.

Seit über 40 Jahren bin ich verheiratet. Mein Mann und ich haben zwei erwachsene Töchter und drei entzückende Enkelkinder. Ich behaupte, wir haben uns immer ergänzt und gegenseitig geholfen. Es gab Höhen und Tiefen, aber zusammen konnten wir uns weiterentwickeln. Worauf ich mit Stolz blicke und was ich gerne erzähle und als Rat und Erfahrung weitergeben möchte, ist die Einigkeit, mit der wir uns für das Reisen entschieden haben. Unsere Hobbys, im Winter Skilaufen, im Sommer segeln und wandern, haben mir sehr viele schöne Erinnerungen, neue Freundschaften und Kinderlachen beschert. Dass Reisen bildet, kann ich nur unterstreichen. Es öffnet die Augen und nimmt die Angst vor dem Fremden. Neues entdecken und innehalten erweitert die Sinne und lässt den grauen Alltag heiter erscheinen. Ich denke, das hat auch meine Kinder geprägt.

Trotz der Doppelbelastung, auch mit den zwei Kindern, habe ich immer im Beruf gestanden, wenn auch dann nur noch halbe Tage. Was sind aber in der Pflege schon halbe Tage. Das durchzuhalten ist wiederum nur möglich, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Gegenseitige Rücksichtnahme, Akzeptanz, Vertrauen und Kompromissbereitschaft sind die Basis unserer langen Ehe.

Jetzt, wo ich in Rente bin, kann ich sagen, das Richtige gemacht zu haben. In der Situation steckend war ich eine Zeit etwas hilflos. Als mein damaliger Arbeitgeber von oben herab eine Neuordnung der Strukturen durchgesetzt hat, kam der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste. Weiterhin mit Bauchschmerzen und Wut im Bauch durchzuhalten, oder einen Neuanfang wagen.

Ich war ja gerne Krankenschwester, aber die direkte Pflege ist schon ein Knochenjob, den ich nicht bis heute durchgehalten hätte. Also ging ich wieder zur Schule, machte meine Fachhochschulreife und bewarb mich in Witten Herdecke zum Pflegestudium. Welch eine Herausforderung. Ich bin angenommen worden und habe durchgehalten bis zum Bachelor of Science in Nursing. Wieder einmal war meine Familie auf meiner Seite und die Unterstützung die ich bekam hat mich geleitet. Es war nicht einfach mit dem Abschluss des Studiums wieder in den Beruf zurück zu finden. Keiner hat auf eine studierte Krankenschwester gewartet. Die meisten Arbeitgeber hatten Vorurteile und wussten mit mir nichts anzufangen. Da hieß es wieder mal Geduld haben und abwarten. Ich war in der privilegierten Situation Unterstützung durch meinen Mann zu bekommen.

Schließlich bekam ich eine Anstellung bei der Stadt im Gesundheitsamt in der Heimaufsicht. Verwaltung stieß auf Krankenschwester. Büro stieß auf Pflegepraxis. Ganz ehrlich, es hat mich erschreckt. Ich hatte mir nicht vorstellen können auf welche Unterschiede, welches Unwissen und welche Ignoranz ich bei einigen Menschen treffen würde. Doch die Erkenntnisse und Einsichten aus den Alten- und Pflegeheimen haben mich angestachelt den Altenpflegekräften in den Einrichtungen der Pflege die Anerkennung zu geben, die ihnen zustand. Dazu hatte ich während meiner Dienstzeit mehrfach Gelegenheit. Erst einmal erklärte ich meinem Verwaltungschef, was Pflege mit Gesundheit zu tun hat. Er hatte die Auffassung, dass Pflege nichts mit Gesundheit zu tun hat. Dann bekam ich die Chance, an einer Handlungsempfehlung Pflege für die Stadt  mitzuarbeiten. Darin befand sich auch das Handlungsfeld Palliativmedizin und -pflege.

Seit 2005 arbeite ich im Netzwerk Palliativmedizin und habe den Arbeitskreis Palliativ- und Hospizarbeit in der stationären Altenpflege als Moderatorin in all den Jahren begleitet und zusammengehalten. Die Handlungsempfehlungen „Hospizkultur und Palliativversorgung in der stationären Altenpflege“ sind über die Grenzen meiner Heimatstadt als eine Empfehlung in der Palliativarbeit der stationären Altenpflege anerkannt. Sie sind praxisbezogen für den Pflegealltag gedacht. Die Themen sind bis heute noch nicht ausgegangen und der Arbeitskreis wird weiter bestehen. Die Unterstützung der Teilnehmer aus dem Arbeitskreis war mir gewiss, denn ohne die Hilfe und Treue hätte ich die Aufgaben nicht bewältigen können.

Durch den intensiven Kontakt mit den Pflegeeinrichtungen ist meine Hochachtung vor der Leistung der Pflegekräfte intensiviert worden und das Thema Sterben in Würde auch im hohen Alter hat mir gezeigt, wie weit wir noch von den Idealen entfernt sind. Ich möchte mich nochmals bedanken und bin voller Freude, wenn ich an meine Verabschiedung aus dem Dienst denke. Die Anerkennung, Freundschaft und Hochachtung hat mich überwältigt. Es hat mir gezeigt, dass ich wohl vieles richtig gemacht habe und einiges von mir in Erinnerung bleibt, auf das ich sehr gerne zurückblicke.

Obwohl ich nicht weiß, ob „Stolz“ das richtige Wort ist, so weiß ich doch, dass ich das niemals alleine geschafft hätte.

Danke.

Meine Botschaft

 

Ich kann sehr gut mit Pferden umgehen. Man darf sie nicht bestrafen, wenn sie nicht hören, man muss sich mit ihnen beschäftigen und sich in sie einfühlen, mit ihnen reden und sie belohnen. Naras war mein Pflegepferd so in den 50ger Jahren. Wir waren Freunde, das war ein feiner Kerl.Einmal hatte ihn ein Insekt in die Zunge gestochen. Wir hatten da einen alten Tierarzt, der war eigentlich schon in Rente. Wir haben überlegt, was wir machen sollen, das Pferd konnte nicht mehr fressen und wäre kaputt gegangen. Wir haben auch überlegt, den Hengst zu erschießen, aber dann hat der Tierarzt gesagt: „Wir versuchen mal was.“ Er hat den Hengst mit einem Magenschlauch ernährt mit Kleiebrei. Ich habe dann mein Lager in der Box aufgeschlagen. Über Nacht habe ich seine Zunge immer wieder feucht gemacht und ihm vorsichtig was zu trinken gegeben. Das hat ungefähr so eine Woche gedauert, dann war die Zunge wieder abgeschwollen und Naras hat überlebt.

Das Pferd und ich waren von da an dicke Freunde, er hat auf keinen gehört, nur auf mich. Ich hab mit ihm gesprochen und ihn geritten. Wenn ich gemerkt habe, dass er laufen will, naja, hab ich ihn rennen lassen. Wir haben auf der Sandbahn trainiert. Ich bin wunderbar mit Naras zurechtgekommen, der Trainer hatte das nicht geglaubt, dass das mit mir und dem Hengst funktioniert. Ich hab eben versucht, zu fühlen, was das Pferd braucht und es zu nix mit Gewalt gedrängt. Als der Jockey kam, der Naras im Rennen reiten sollte, kam der erst nicht mit dem Hengst zurecht, weil er ihn getrieben hat und angeschrien. Ich hab dem dann gesagt, dass er das Pferd selbst rennen lassen soll wie es will, da hat Naras mit zwei Längen gewonnen.

Man muss mit Tieren umgehen können, man muss die Tieren verstehen wollen und ganz einfühlsam sein. Das merken die.

Meine Botschaft

 

Annäherungen

Sich diese Frage zu stellen, ist für mich tatsächlich ungewohnt und darauf zu antworten, fällt mir nicht leicht. Auf etwas bzw. auf sich selbst stolz zu sein – ich spüre einen inneren Vorbehalt; legt ein christliches Selbstverständnis nicht eine andere Haltung und Lebenseinstellung nahe: bescheiden zu sein, sich eher zurück zu nehmen, keineswegs mit etwas zu „prahlen“? In manchen Aussagen der Bibel wird der Begriff „stolz“ mit „überheblich“ gleichgesetzt. Der Apostel Paulus spricht mehrfach davon, sich nicht seiner eigenen Leistungen und Erfolge zu „rühmen“, sondern stattdessen Gott, dem Geber aller Gaben, dankbar zu sein. In der mittelalterlichen Tradition wird der Stolz sogar als eine der sog. Todsünden verstanden.

Mein Zugang, auf etwas stolz sein zu können - und auch zu „dürfen“ – besteht darin, die Verbindung zu Gott und die eigene Leistung und Beteiligung an etwas Wertvollem und Gelungenem miteinander zu verknüpfen. In diesem Zusammenhang spielt m.E. die Vorstellung der sog. Gottebenbildlichkeit eine maßgebende  Rolle. Sie stellt den Gedanken der Menschenwürde ausdrücklich in einen religiösen und spirituellen Zusammenhang. Gemeint ist ja, dass jeder Mensch unabhängig von seiner Lebensleistung und Selbstwahrnehmung ein einzigartiges Geschöpf ist, dessen Wert und Kostbarkeit (zumindest in den Augen seines Schöpfers) nicht verloren gehen kann. Das, was wir bewirken und erreichen, geschieht ja immer auch in Verbundenheit zum Schöpfergott und seinem Geist, der Kraft und Mut verstärkt und konstruktive Entwicklungen ermöglicht. In diesem Sinn gibt es m.E. einen gesunden Stolz: wir Menschen dürfen stolz, d.h. uns unseres Anteils bewusst, froh und dankbar auf das blicken, was uns gelungen ist und was uns auch in der Rückschau auf die eigene Biographie von Bedeutung bleibt.

Tatsächlich scheint mir, dass ein ausgeprägter und womöglich zur Schau gestellter Stolz eine Tendenz zur Überheblichkeit erhalten kann. Gleichzeitig korrespondiert ein gesunder Stolz aber doch auch mit einer Einstellung der Dankbarkeit und auch einer seiner Möglichkeiten wie Grenzen bewussten Demut. Und man kann fragen, ob jemand, der Stolz für unangemessen hält, nicht zu gering von sich – und seinem Schöpfer – denkt!?

Erinnerungen

Das Erlebnis, auf das ich mich beziehe, liegt schon lange zurück: wohl 1979, ich war 17 Jahre alt. Ich war ehrenamtlicher Mitarbeiter in einer großen kirchlichen Einrichtung. Die verantwortliche Person war für alle eine charismatische Autorität. Im Rahmen einer Art Mitarbeiter – Vollversammlung ging es die Frage, ob es erlaubt sei, an einer anderen, großen kirchlichen Veranstaltung teilzunehmen. Das war tatsächlich ein Thema, weil es sich dabei um ein (kirchen)politisch progressives, ökumenisch offenes Angebot handelte (bei dem der christliche Glaube auch mit politischem Engagement verknüpft war). Der verantwortliche Leiter entschied direktiv, dass „von uns niemand dorthin zu gehen hat“. Weil es schon damals meiner Überzeugung entsprach, hatte ich mir vorgenommen, an dieser „umstrittenen“ Veranstaltung jedenfalls teilzunehmen. Dieses autoritär vermittelte Verbot fand ich in der Sache falsch und inakzeptabel. Meine innere Stimme sagte mir: „Zeig` das jetzt auch!“. Jedenfalls spürte ich – obwohl ich die Atmosphäre als bedrückend in Erinnerung habe und mein Herz sehr schnell schlug – eine ausreichend große Portion Mut in mir, so dass ich meine Hand und Stimme erhob und deutlich sagte: „Das finde ich falsch. Ich gehe jedenfalls trotzdem da hin!“ - Es war dann einige Zeit vollkommen still im Raum – und der Leiter ging zu einem anderen  Thema über… Bestärkt wurde mein Impuls sicherlich auch durch ein Gefühl der Empörung über das autoritäre Vorgehen des Verantwortlichen. Tatsächlich wäre es mir zu wenig gewesen und wäre ich mir auch feige vorgekommen, lediglich „heimlich“ zu besagter Veranstaltung zu gehen.

Ausblick

Die Erinnerung an diese Situation (vor fast 40 Jahren!) ist mir noch recht lebendig vor Augen. Rückblickend ist es eine Art Schlüsselerlebnis für mich gewesen: zu dem zu stehen, was einem wichtig ist; nichts zu versäumen, wenn Herz und Verstand deutliche Signale senden; nicht zu schweigen, weil einem das hinterher leidtun und doch keine Ruhe lassen würde; für den eigenen Standpunkt eintreten – nicht rechthaberisch, sondern weil es dran ist, zumindest eine andere Sichtweise einzubringen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man dabei gar nicht unbedingt allein „gegen den Rest der Welt“ dasteht, sondern nicht selten auch stellvertretend für andere die Stimme mit erhebt.

Oft habe ich später an dieses Erlebnis gedacht – auch mit Stolz und so, dass ich innere Stärke daraus gewonnen habe, einen notwendigen Konflikt oder ein unangenehmes Gespräch in Angriff zu nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass es für unsere Lebens(zwischen)bilanzen bedeutsam ist, sich sagen zu können: es ist dir immer wieder gelungen, in angemessener Weise „ja“ und „nein“ und „Ich“ gesagt zu haben. Mit anderen Worten: sich nicht versteckt oder seine Meinung immer wieder zurück gehalten zu haben, sondern möglichst viel von dem zum Ausdruck gebracht zu haben, was die innere Stimme und eigene Überzeugung einem nahelegt; für das eingestanden zu sein, wofür das eigene Herz schlägt. Dabei muss ich an einen Gedanken des Palliativmediziners Müller – Busch denken. Für die gute palliative Begleitung eines Menschen bis in die Todesstunde sei es von grundlegender Bedeutung, Harmonie, die Erfahrung von Autonomie und eine gemeinsame Sinnfindung zu fördern und erleben zu können. Und er fügt hinzu, dass dieses wohl die drei wesentlichen Elemente menschlicher Würde überhaupt seien. Harmonie verstehe ich in diesem Zusammenhang als einen anderen Ausdruck für Frieden. Er ist nicht zu haben ohne ein hohes Maß an Selbstbestimmung und Übereinstimmung mit dem, was das eigene Leben sinnvoll und wertvoll machen kann. Dazu kann ein gesunder, begründeter Stolz bestimmt einen wesentlichen Beitrag leisten.

Meine Botschaft